Fallbeispiele aus der Praxis

Diagnostik bedeutet mehr als das Erfassen einzelner Symptome oder Testergebnisse.
Viele Klient:innen stellen sich mit einem bestimmten Verdacht vor – häufig mit der Frage, ob eine Autismus-Spektrum-Störung oder eine Aufmerksamkeitsproblematik vorliegt.

In der Praxis zeigt sich jedoch, dass ähnliche Erscheinungsbilder sehr unterschiedliche Ursachen haben können. Auffällige Testwerte, soziale Unsicherheiten oder emotionale Belastungen lassen sich nicht immer eindeutig einer einzelnen Diagnose zuordnen.

Die folgenden anonymisierten Fallbeispiele geben einen Einblick in typische diagnostische Konstellationen. Sie zeigen, wie wichtig es ist, Befunde im Gesamtzusammenhang zu betrachten, biografische Entwicklungen einzubeziehen und widersprüchliche Hinweise sorgfältig einzuordnen.

Ziel ist es, nachvollziehbar zu machen, wie differenzialdiagnostisches Arbeiten in der Praxis aussieht – und warum eine fundierte Einordnung häufig über die ursprüngliche Fragestellung hinausgeht.

Was bedeutet das für Sie?

Viele Klient:innen kommen mit der Erwartung, dass eine einzelne Diagnostik eine eindeutige Erklärung für ihre Schwierigkeiten liefert.
In der Praxis zeigt sich jedoch, dass dies nur in einem Teil der Fälle möglich ist.

Gerade bei komplexeren oder länger bestehenden Belastungen liegen häufig mehrere Einflussfaktoren gleichzeitig vor.
Ähnliche Symptome können unterschiedliche Ursachen haben  und umgekehrt können verschiedene Störungsbilder ein sehr ähnliches Erscheinungsbild zeigen.

Eine ausschließlich auf eine einzelne Fragestellung ausgerichtete Diagnostik kann in solchen Fällen zu kurz greifen.
Dies bedeutet nicht, dass „nichts vorliegt“, sondern dass die gewählte Perspektive nicht ausreicht, um das Gesamtbild zu erfassen.

Aus diesem Grund kann es sinnvoll sein:

  • ein Neuroprofil zu wählen, wenn ein umfassenderes Verständnis des eigenen Funktionsniveaus im Vordergrund steht
  • eine Doppeldiagnostik (z. B. ADHS und Autismus) durchzuführen, wenn keine eindeutige Vorabklärung möglich ist oder sich die Fragestellung nicht klar eingrenzen lässt

Ziel ist es, nicht nur einzelne Symptome zu erfassen, sondern zu verstehen, wie verschiedene Faktoren zusammen wirken und welche Einordnung die größte Klarheit für den weiteren Umgang im Alltag bietet.

Die Fallbeispiele zeigen: 

Eine fundierte Diagnostik bedeutet nicht, möglichst schnell eine Diagnose zu stellen, sondern das individuelle Gesamtbild nachvollziehbar zu erfassen - auch dann, wenn dieses komplexer ist als zunächst angenommen.

Ein Fallbeispiel aus der Praxis

Sieht aus wie Autismus - ist es aber nicht

Alle Punkte wurden aus Gründen der besseren Lesbarkeit und Übersichtlichkeit stark verkürzt

Ausgangssituation 
Eine erwachsene Klientin stellte sich zur differenzialdiagnostischen Abklärung einer möglichen Autismus-Spektrum-Störung sowie zur Erstellung eines Neuroprofils vor.

Im Vordergrund standen seit vielen Jahren bestehende Schwierigkeiten im Alltag:

  • ausgeprägte Verlangsamung
  • Aufschieben von Aufgaben
  • stark eingeschränkte Selbstversorgung
  • wiederholtes mentales „Wegdriften“
  • erhebliche soziale Unsicherheit

Die Klientin beschrieb, für alltägliche Tätigkeiten wie Körperpflege oder Haushalt ein Vielfaches der üblichen Zeit zu benötigen und häufig „gedanklich nicht mehr richtig anwesend“ zu sein.

Befunde

In der testpsychologischen Diagnostik ergaben sich zunächst auffällige Ergebnisse:

  • mehrere autismusbezogene Screeningverfahren: auffällig
  • ADOS-2 (Modul 4): Gesamtwert im auffälligen Bereich
  • zusätzliche Hinweise auf Einschränkungen in Aufmerksamkeit und kognitiver Verarbeitung

Auf den ersten Blick ergab sich damit ein Bild, das in Richtung Autismus interpretiert werden könnte.

Der entscheidende Schritt: die Entwicklungsanamnese
Die vertiefte Anamnese zeigte jedoch ein differenziertes Bild:

  • frühes aktives Zugehen auf andere Kinder
  • Aufbau von Freundschaften im Kindergarten und in der Grundschule
  • gemeinsames und fantasievolles Spiel
  • keine Hinweise auf ein durchgängiges Muster sozialer Missverständnisse in der frühen Kindheit
  • keine klaren Hinweise auf repetitive Verhaltensmuster oder sensorische Besonderheiten oder sonstigen  laut Leitlinien beschriebenen Symptome

Erst im späteren Verlauf,  insbesondere ab der weiterführenden Schule,  entwickelten sich:

  • soziale Unsicherheit
  • Rückzug
  • das Gefühl, „nicht dazuzugehören“

Autismus zeigt sich in der Regel bereits früh in der Entwicklung und lässt sich bei sorgfältiger Rekonstruktion der Kindheit nachvollziehen.

Beobachtung im direkten Kontakt
Im Gespräch zeigte sich:

  • reduzierte Mimik
  • monotone, langsame und leise Sprache
  • vermeidender Blickkontakt
  • deutlich verlangsamte Verarbeitung
  • wiederholtes mentales Abschweifen bzw. kein direktes Antworten auf Fragen und/oder "Nichtverständnis" der Frage

Diese Merkmale wirkten auf den ersten Blick autismusnah, waren jedoch nicht konsistent mit der frühen Entwicklung.

In weiteren Untersuchungen zeigte sich eine soziale Ängstlichkeit (SASKO), eine Alexithymie (TAS-26) sowie eine breite erhöhte psychologische Gesamtbelastung (SCL-90)

Widersprüche im Gesamtbild

Der Fall war geprägt von typischen diagnostischen Spannungsfeldern:

  • hohe Testwerte vs. unauffällige frühe Entwicklung
  • aktuelle soziale Unsicherheit vs. früh vorhandene soziale Kompetenz
  • autismusnahe Verhaltensweisen vs. fehlende entwicklungsübergreifende Konsistenz

Genau an dieser Stelle zeigt sich die Bedeutung einer sorgfältigen Gesamtbetrachtung.

Differenzialdiagnostische Einordnung

Die Auffälligkeiten ließen sich deutlich besser durch ein anderes Zusammenspiel erklären:

1. Aufmerksamkeits- und Selbststeuerungsproblematik (ADHS)
- ausgeprägte Schwierigkeiten im Initiieren und Umsetzen von Handlungen
- Desorganisation und Zeitverlust
- emotionale Impulsivität

Es wurde eine vollständige ADHS-Diagnostik durchgeführt, welche zu einer Diagnosestellung nach F90.2  (kombinierter Typ) führte.

Die ADHS-Diagnose konnte einen Teil der beschriebenen Schwierigkeiten erklären, reichte jedoch nicht aus, um das gesamte klinische Bild abzubilden.

2. Reduzierte Aktivierungsstabilität und kognitive Verlangsamung
Weiterhin zeigten sich:
- starke Verlangsamung
- „nicht in Gang kommen“
- mentales Wegdriften
- Gefühl von verminderter Präsenz

Die zusätzlich beobachteten Muster,  insbesondere ausgeprägte Verlangsamung, reduzierte Aktivierungsstabilität und mentales Wegdriften, lassen sich in der aktuellen Forschung unter anderem im Zusammenhang mit einer sogenannten kognitiven Abkopplung (Sluggish Cognitive Tempo / Cognitive Disengagement Syndrome) beschreiben.

SCT/CDS lässt sich am besten als Störung der Aktivierungs- und Wachheitsregulation verstehen, die neurobiologisch wahrscheinlich mit dem noradrenergen System zusammenhängt.

3. Auffällige Episoden von Abwesenheit
Zusätzlich bestanden seit dem Jugendalter:

  • Phasen von Starren
  • plötzliches Wegdriften
  • fehlende Zeitwahrnehmung

Diese Symptomatik ist durch rein psychologische Modelle nicht vollständig erklärbar und erfordert eine fachärztliche Abklärung.

Fazit

Trotz auffälliger Testergebnisse ergab sich keine ausreichende Absicherung einer Autismus-Spektrum-Störung.

Der Fall zeigt:
Ein erhöhter ADOS-Wert allein ist nicht ausreichend für eine Diagnosestellung.
Entscheidend ist die entwicklungsübergreifende Konsistenz.

Warum dieser Fall wichtig ist

Viele erwachsene Klient:innen zeigen:

  • autismusnahe Merkmale
  • hohe Screeningwerte
  • erhebliche Belastung im Alltag

Nicht immer liegt eine Autismus-Spektrum-Störung vor.

Eine fundierte Diagnostik bedeutet daher:

  • genau hinsehen
  • widersprüchliche Befunde ernst nehmen
  • und nicht vorschnell zu diagnostizieren

Der Fall verdeutlicht, dass eine rein auf Autismus fokussierte Abklärung in solchen Konstellationen zu kurz greifen kann. Nur durch die Kombination aus funktionaler Einordnung und differenzialdiagnostischer Erweiterung konnte das Gesamtbild umfassender verstanden werden.

Nun kann die Klientin gezielt unterstützt werden.

Hinweis
Dieses Fallbeispiel ist anonymisiert und in Teilen verändert dargestellt.

Weiterführende Informationen

Für SCT/CDS gibt es bislang keine klar standardisierte leitlinienbasierte Behandlung. Es bestehen jedoch Hinweise darauf, dass Medikamente wie Methylphenidat, Lisdexamfetamin oder Atomoxetin eine Verbesserung der Symptomatik bewirken können.

Für Atomoxetin liegen beispielsweise Hinweise aus post-hoc Analysen vor, die zeigen, dass sich SCT/CDS-Symptome unter der Behandlung verbessern können, teilweise unabhängig von der klassischen ADHS-Unaufmerksamkeit. Dies deutet darauf hin, dass noradrenerge Wirkmechanismen eine Rolle spielen könnten.

Die Studienlage ist derzeit hinweisgebend, jedoch noch nicht ausreichend, um von einer gesicherten Standardbehandlung zu sprechen.

 Report of a Work Group on Sluggish Cognitive Tempo (Becker et al., 2022)

 Systematic Review & Meta-Analysis on SCT/CDS (Frontiers Psychiatry, 2026)

Sluggish Cognitive Tempo Overview (Research Review)

Atomoxetine-related change in SCT symptoms (McBurnett et al., 2017)

 Lisdexamfetamine trial in SCT + ADHD (Adler et al., 2021)

SCT treatment overview (ADXS)

Ein Fallbeispiel aus der Praxis

Sieht unauffällig aus - ist aber ADHS

folgt...

Ein Fallbeispiel aus der Praxis

Trauma / Trauer statt Neurodivergenz

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